Dosierte Kunst und andere Überraschungen

Die Dosis macht bekanntlich das Gift, doch hier geht es um künstlerisch wertvolle Konservendosen. Aber schön der Reihe nach …

Am Vortag war ich von Penzance aus immer am Meer entlang bis zum Saint Michael’s Mount gewandert. Darauf komme ich an anderer Stelle zurück. Jetzt freute ich mich auf ein ähnlich schönes Erlebnis in entgegengesetzter Richtung, von Penzance nach Mousehole, dem nach Dylan Thomas „prettiest village in England“. Entsprechend hoch schraubte ich meine Erwartungen, denn wer misstraut schon einem Dichterwort? Ich jedenfalls nicht.

Ausgangspunkt war die idyllisch im Wald gelegene Jugendherberge Castle Horneck, deren Name eine lebhafte Debatte unter den Gästen auslöste. Nein, er ging weder auf die Normannen zurück, noch stand er in irgendeiner Beziehung zu einem deutschen Adelsgeschlecht,  dessen Wappen möglicherweise ein Horn in einer Ecke schmückte. Tatsächlich bedeutete der ursprünglich kornische Name Hornocke schlicht Eisenburg. Aber ich schweife ab …

Nach dem Abstecher durch Wald und Feld mit üppiger exotischer sowie hoch ins Kraut schießender vertrauterer Vegetation was (2)Riesenvergissmeinnicht oderwas 4 landete ich wieder am Meer, bis ich den kleinen Hafen des Fischerstädtchens Newlyn und damit das Ende des Strandwanderwegs erreichte. Zeit für eine kleine Stärkung! Da hatte ich aber die Rechnung ohne den Wirt des Duke Street Cafés gemacht, denn der vermeintlich kleine Imbiss von der Lunchtafel, der toasty of the day, entpuppte sich als Riesenportion. Erschrocken bat ich den hünenhaften Inhaber, der sicher schon manche derartige Ungetüme verschlungen hatte, um eine doggy bag. „Nobody leaves here hungry“, erklärte er nicht ohne Stolz, als er mir beim Abschied die Tüte überreichte. Nun fotografiere ich ja eigentlich nie mein Essen, aber Ausnahmen bestätigen die Regel …

 Fotos: (c) anglogermantranslations

Während ich auf den Kaffee wartete, konnte ich in aller Ruhe die Bilder an den Wänden studieren. Es waren käufliche Landschaftsgemälde örtlicher Künstler, darunter auch eine deutschstämmige Malerin, die in den Legenden von dem ganz besonderen Licht an der Küste Cornwalls schwärmten. Die Newlyn School findet also immer wieder neue Nachahmer. Bis zu diesem Tag hatte ich noch nie etwas von ihr gehört,

doch nach einem kurzen Spaziergang am kleinen Hafen entlang wurde ich ausgerechnet in einem Fischladen mit ihr konfrontiert. Eigentlich wollte ich nur typisch kornische Fische fotografieren, doch dann fiel mein Blick auf die Dosen im Regal.

Ich fühlte mich gleich magisch angezogen, habe ich doch eine Schwäche für Genremalerei, besonders für die holländischen Meister. Später fand ich die gleichen Dosen im Museum wieder und erfuhr dort auch alles über die Geschichte der Newlyn School, sozusagen Cornwalls Antwort auf Worpswede. Doch was soll ich von den Blech gewordenen Genrebildern halten?

Art is art

And fish is fish

And never* the twain shall meet.

* Außer in Plymouth natürlich.

Bei Gelegenheit schreibe ich mal etwas über die dort entstandenen Werke und ihre Meister – jetzt will ich endlich nach Mousehole, das Dylan Thomas derart beeindruckte … Eine Hinweistafel der Tourismusbehörde heizte meine Vorfreude erneut an: This is an area of outstanding beauty. Also, dann mal weiter, weiter! Mousehole, prettiest village (I don`t repeat myself, repeat myself), here I come!

Meilen später … die Antiklimax.

Si tacuisses, Dylan … Bestimmt kanntest Du Dich mit walisischen Dörfern besser aus.

Als ich einer Einheimischen gegenüber meine Enttäuschung ausdrückte, versicherte sie mir: „But it looks nice with the Christmas lights!“ So lange konnte ich aber nicht warten. Jetzt hätte ich allerdings Gelegenheit, das zu überprüfen. Aber will ich das? Nein danke. Lieber bleibe ich mit Under Milk Wood, gelesen von Richard Burton, in der warmen Stube.

Falls an dieser Stelle Anzeigen zu sehen sein sollten, habe ich darauf keinen Einfluss. Mit diesem privaten Blog erziele ich keinerlei Einnahmen.

8 Kommentare

Eingeordnet unter Cornwall, Fotos, Kunst, UK

8 Antworten zu “Dosierte Kunst und andere Überraschungen

  1. Pit

    Also ohne jetzt Dylan Thomas rechtfertigen zu wollen: bei bedecktem Himmel und Ebbe sieht nun mal jeder Hafen nicht gerade hübsch aus. Und „prettiest“ ist nun wirklich auch sehr anspruchsvoll. Ich kenne Mousehole zwar nicht aus eigener Anschauung, wohl aber ähnliche Küstendörfer in Cornwall. Ich würde sie – und das bezieht sich vor allem darauf, dass oft der alte Ortskern noch unverändert erhalten ist – durchaus als hübsch bezeichnen. Oder, in English [von der Tourismus Webseite], als „picturesque“, mit „oldworld charm“. Man sollte es wohl an einem sonnigen Sommertag erkunden. Aber dann wird es wohl von Touristen nur so wimmeln – und damit „adé Charme“. 😦

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  2. Leider werden Lakritzes Kommentare unter den Mousehole-Fotos hier nicht sichtbar. Schade, sie hat etwas sehr Wichtiges angemerkt.

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  3. Pit

    So eine Portion Essen nennen wir unter uns immer „Texas size“, im Unterschied zu „American size“, was auch schon riesig ist.
    Liebe Grüße,
    Pit

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    • Wie viele hungernde Mitmenschen könnten davon satt werden …

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    • Pit

      Stimmt schon. Aber solange es wenigstens nicht weggeworfen, sondern mit nach Hause genommen und dann später da gegessen wird. Ich denke da eher an die Tonnen von noch gut verwertbaren Nahrungsmitteln, die in deutschen Geschäften auf dem Muell landen, nur weil das offizielle Mindesthaltbarkeitsdatum agbelaufen ist. Oder an einen Supermarkt hier, dem vor Jahren der Strom ausgefallen war und damit auch die Gefrierschränke, und die dann das gesamte Gefriergut einfach weggeworfen haben, und die die Hilfsorganisationen nicht einmal informiert haben. Einen (großen) Teil hätte man doch auf jeden Fall Bedürftigen zukommen lassen. Dabei wird hierzulande ganzjährig – und jetzt, zur Adventszeit besonders – in den Kirchen Essen für Bedürftige gesammelt.

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    • „Alles in sich hineinfressen“ bekommt da noch eine ganz andere Bedeutung.

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