Der unsichtbare Zimmerelefant

Seit wir alle  – oder doch eine Vielzahl von Erdbewohnern – zu globalen Dörflern mutiert sind, schwappen besonders aus der Lingua franca Englisch ständig Redensarten ins Deutsche über, die irgendwann als urdeutsch gelten.

Früher empfanden wir ÜbersetzerInnen eine Wendung wie the early bird catches the worm noch als wortwörtlich eingedeutschten Anglizismus (der ja zu vermeiden war).  Als deutsche sinngemäße Entsprechung bot sich dann Morgenstund hat Gold im Mund an. Inzwischen dürfte der englische Wurmfänger in deutschsprachigen Filmen, Büchern und Blogs dem Goldmund den Rang abgeflogen haben. Ist ja auch in Ordnung, Hauptsache, Übersetztes klingt nicht übersetzt.  Dumm nur, wenn in einem deutschen Film (aus lauter Angeberei?) wiederholt neben der deutschen Variante auch immer noch das englische Original falsch zitiert [am Ende des Clips], nämlich das englische worm genauso wie das englische warm ausgesprochen wird. Das wurmt mich dann doch,  aber das ist eine andere Geschichte.

Zweifel kommen auf, wenn wir nicht so ganz sicher sein können, ob bestimmte Floskeln inzwischen den Sprung über den virtuellen Großen Teich oder den Ärmelkanal geschafft haben. Dann hören wir uns im Kollegenkreis um, wie bekannt oder unbekannt sie beim deutschen Lesepublikum sind. Die Suche nach Google-Treffern ist da wenig hilfreich, denn das können maschninell übersetzte und daher nur vermeintliche Belege sein.

Bei solchen internen Umfragen fällt immer wieder auf, dass Kollegen mit Arbeitssprache Englisch eher dazu neigen, fast alle englischen Redewendungen als mittlerweile eingedeutscht zu betrachten. Man hört, liest und übersetzt es eben so oft, dass es nicht mehr fremd in den Ohren klingt. Insgeheim freut man sich natürlich, wenn man nach einer andere Lösung als der wörtlichen Übersetzung suchen darf. Die Gelegenheit bot mir kürzlich the elephant in the room. Das ist eine Metapher für etwas Unangenehmes, das unausgesprochen im Raum steht. Über den Ursprung ist hier mehr zu erfahren – komplett mit dem Foto eines besonders augenfälligen „unsichtbaren“ Elefanten. Sie soll u. a. auch für das Vermeidungsverhalten der Angehörigen von Alkoholikern stehen, die das Problem in ihrer Familie schlicht leugnen.

Man schleicht wie eine Katze um den heißen Brei herum oder tut so, als gebe es den Brei überhaupt nicht. Man redet nicht Tacheles, keinen Klartext. Eine Patentübersetzung für den Elefanten gibt es nicht, man muss etwas Sinnverwandtes an den jeweiligen Kontext anpassen. Im konketen Fall, im Roman Komm wieder zurück von Deborah Reed, bekommt die Protagonistin Besuch von einem Bekannten. Sie reden über dieses und jenes, nur nicht darüber, dass der Bruder der Besuchten wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft sitzt. Schließlich gibt sich der Gast einen Ruck und sagt:  “Let’s not ignore the elephant in the room here…“ 

Weithin sichtbar dagegen ist der furchtsame blaue Elefant aus dem Eppendorfer Schaufenster.

Nachtrag vom 27. Mai

Gerade stolpere ich über den Titel eines deutschen Jugendbuchs von Susan Kreller: Elefanten sieht man nicht. Es geht um Kindesmisshandlung. Vielleicht setzt sich diese Metapher bald auch im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch durch.

9 Kommentare

Eingeordnet unter amerikanische Literatur, Übersetzung, deutsche Übersetzung, Redensarten

9 Antworten zu “Der unsichtbare Zimmerelefant

  1. Pingback: Angst … | Übersetzen und Literatur, doch nicht nur

  2. Eine gute Uebersetzung ist ein Kunstwerk. Obwohl die deutsche und englische Sprache viele Aehnlichkeiten aufweisen, druecken wir uns doch ganz verschieden aus. Das merke ich oft, wenn ich meine zweisprachigen Texte schreibe. Schade nur, dass wir Deutschen, ob aus Bequemlichkeit oder Modebewusstsein, unsere eigenen schoenen Formulierungen vergessen. Danke fuer die Erinnerung, Peggy

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  3. Mir ist es immer unsagbar peinlich, wenn mir wirklich mal ein unironischer Anglizismus unterläuft. Der Elefant hat aber schon was. (Übrigens kann man nie wieder „worm“ falsch aussprechen, wenn man einmal Angelsachsen erlebt hat, die sich über die Stadt Worms amüsiert haben.)

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    • Die Fähigkeit zum Schamgefühl gehört nun mal zum Beruf. 🙂 Sollte sie zumindest. Ironie hin oder her – viele Zeitgenossen verwenden ja ironisch gemeinte Anglizismen wie ganz normales Deutsch. Ich sage nur: nicht wirklich … Kennt eigentlich keiner mehr „eigentlich nicht“?

      Was die Stadt Worms betrifft, so erregt diese per se nicht diese Heiterkeit, sondern nur die englische Übersetzung für Reichstag. Höchste Zeit, mal ein neues deutsches Lehnwort in die englische Sprache einzuführen. Vielleicht Reichstag of Worms in Analogie zum Bundestag? Schließlich ist auch Third Reich den Angelsachsen sattsam bekannt. Die Wurmdiät ist wirklich unappetitlich.

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    • Nicht wirklich, oder??? — Das mit der Diät wußte ich gar nicht! Da haben sich sicher schon die britischen Historiker kaputtgelacht. (Ich kenne nur die Heiterkeit angesichts von Straßenschildern: Worms 150 km — gee, that’s a whopper –!)

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    • Getreu dem Motto:

      Hier lache ich, ich kann nicht anders!

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  4. Philipp Elph

    „Der frühe Vogel…..“ ist einer der beliebtesten Sätze beim Verkaufstraining von Außendienstmitarbeitern. „Morgenstund..“ wäre hier nicht so passend im Sinne von Verkaufserfolg haben wollen.

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