… malst Blumen und Blätter

Wieder einmal wundere ich mich über die Duplizität der Ereignisse. Vor ein paar Tagen fiel mir die DVD des Kurt-Hoffmann-Films „Drei Männer im Schnee“ aus dem Jahr 1955 in die Hände. Natürlich musste ich sie schwarz-weiß getrost nach Hause tragen, denn von dieser Kästner-Geschichte kannte ich bislang nur den Titel. Bildungslücken schließt man ja immer wieder gern. Fasziniert ließ ich das winterlich-idyllische Intro mit dem ironischen Kommentar aus dem Off an mir vorüberziehen:

Wir nähern uns einer erhabenen Landschaft …

… Gäste aus aller Welt kommen zu Besuch und zahlen in harter Währung höchste Preise. Schönheit ist teuer. Hier hoch oben verliert der Mensch vor lauter Glück und Panorama den letzten Rest von Verstand, bindet sich Holz an die Füße und saust zu Tal. Unten angekommen, begibt man sich entweder ins Krankenhaus oder ins Hotel.

Die Handlung dieser Verwechslungs- und Kleider-machen-Leute-Komödie war für mich Nebensache (doch, doch, „sie kriegen sich am Ende“, wen wunderts?), aber diese nostalgisch anmutenden Details …

Und nun komme ich zur Duplizität. Ein Blick aus dem Fenster des Grandhotels zeigt riesige Flocken, die vom Himmel schweben. (Den Hinweis auf leise rieselnden Schnee verkneife ich mir jetzt, denn Weihnachten ist vorbei.) Hübsch anzusehen. In meinem Hinterkopf singt prompt eine Kinderstimme: Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?  Gleichzeitig schmunzele ich darüber, dass die Filmemacher mit ihren Wettermaschinen immer so dick auftragen müssen. So große Schneeflocken hat die reale Welt noch nicht gesehen. Zumindest nicht in unseren Breiten. Irrtum. Seit zwei Tagen kann ich sie in natura bewundern, obwohl mein Herz nach grüner Farb verlangt. Truth stranger than fiction – as usual. Or just as strange. 

Ob die Kinder von heute die zweite Strophe des Schneeflöckchenlieds

Komm setz dich ans Fenster,
Du lieblicher Stern!
Malst Blumen und Blätter,
Wir haben dich gern.

ohne Erklärung noch verstehen? Wenn die Energiekosten weiterhin explodieren, gibt es vielleicht in Zukunft auch wieder Eisblumen am Fenster. Doch ehrlich gesagt, erfreue ich mich lieber in alten Filmen an solcher Blütenpracht. Womit ich wieder bei den drei Männern im Film wäre. Einer der drei muss in einer eiskalten Dachkammer des Grandhotels übernachten und friert natürlich wie ein Schneider. Die anderen beiden lindern seine Not ein wenig: Der eine organisiert eine Heizsonne und taut damit die eingefrorene Wasserleitung auf, der andere überlässt ihm seinen eigenen heißen Backstein, an dem er sich im Bett die Füße wärmen kann. An beides kann ich mich noch gut erinnern, nur hätte ich nie gedacht, dass man damals selbst in Grandhotels keine besseren Rezepte gegen die Kälte kannte. Gummiwärmflaschen waren zumindest schon erfunden, Heizdecken auch, Thermopenfenster dagegen wohl noch nicht?

13 Kommentare

Eingeordnet unter Buecher, Film, Foto, Kinderlied, photos, Youtube

13 Antworten zu “… malst Blumen und Blätter

  1. Ich bin ja froh, daß die Eisblumenzeit vorbei ist (auch wenn ich den Fensterschmuck heute fotografieren würde und nicht mehr anhauchen). Aus dem Film ist mir vor allem die schicke Skimode in Erinnerung geblieben.

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    • Vorbei ist sie ja nicht. Nur denken die meisten Zeitgenossen offenbar, vereiste Blumen und Sträucher draußen auf dem Feld seien Eisblumen. Sie haben ja nicht den Hauch einer Ahnung. Und so wüssten sie vermutlich gar nicht, dass sie – falls denn mal die Heizung ausfiele und tatsächlich Eisblumen an den Fensterscheiben auftauchen würden – mit erwärmten kleinen Münzen Gucklöcher schmelzen könnten.

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    • Vorbei ist sie ja nicht. Nur denken die meisten Zeitgenossen offenbar, vereiste Blumen und Sträucher draußen auf dem Feld seien Eisblumen. Sie haben ja nicht den Hauch einer Ahnung. Und so wüssten sie vermutlich gar nicht, dass sie – falls denn mal die Heizung ausfiele und tatsächlich Eisblumen an den Fensterscheiben auftauchen würden – mit erwärmten kleinen Münzen Gucklöcher schmelzen könnten.

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    • Genau — »Die Schneekönigin«! Das ist sowieso das schönste Winter-Kunstmärchen.

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    • An die habe ich dabei aber nicht gedacht, sondern an meine Kindheit. 🙂 Andersen wusste eben auch noch, wie schrecklich man im Winter friert. Wenn der noch die Zentralheizung hätte erleben dürfen … (… wäre unsere Welt um einige Märchen ärmer.)

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  2. Pingback: Meine Frühstücksflocken | Übersetzen und Literatur, doch nicht nur

  3. Lucie

    Kästner-Liebhaberin aus Amsterdam meldet sich: der ‚olle warme Backstein‘ ist da on special request der Millionärstochter. Sie hatte ja beim Hotel angerufen, um heimlichst alle Sonderwünsche (Ziegelstein, Massagen, Katzen …) des lieben Papas weiterzuleiten.

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  4. Die kalten Zimmer in diesem Grandhotel galten nur für die Angestellten. Herrlicher Film, Ich kann schon manche Stellen auswendig.

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    • Grüezi, lieber Herr Meine Küche! Welch Glanz in meiner (Kommentar-) Hütte! Wunderbar suggestiv auch die leicht verfremdete Heimatschnulzen-Musikuntermalung, nicht?

      Im speziellen Fall musste ja ein unerkannt bleiben wollender Millionär (selber schuld!) in Gestalt von Paul Dahlke mit dem ungeheizten Dachkämmerlein vorliebnehmen. Aber dass auch Claus Biederstaedt, der vermeintliche Millionär, nur so einen ollen warmen Backstein untergejubelt bekam, wundert mich doch. Und das hielt der arme arbeitslose Schlucker noch für erstklassigen Service. Ob das nun einen gewissen alpenländischen Foodblogger zu einem neuen Artikel für ein Rezept mit heißem Stein inspiriert? Irgendwelche Tierfüße auf selbigem zubereitet? Als „Voressen“ oder so? Man darf gespannt sein.

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    • eher nicht, meine Vorlieben sind Nudeln mit Rindfleisch oder Würstchen mit Linsen 😉 siehe: http://lamiacucina.wordpress.com/2007/03/21/geheimrat-schluters-linsen/

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    • So verplappert sich der verkappte Millionär. 🙂
      Ob der gute Mann in Schlüter umgetauft wurde, weil die Firma Tobler nichts damit zu tun haben wollte? Statt mit Cognac hätte man den ersten Preisträger ja sonst auch mit Toblerone verwöhnen können.

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