Sweet Molly Malone, I’m coming…

Die Würfel sind gefallen. Endlich werde ich Irland näher kennenlernen, einen fast weißen Fleck auf meiner europäischen Landkarte. Fast, weil ich in grauer Vorzeit Tagen mal eine Woche lang von Belfast nach Dublin getrampt bin, aber das zählt schon gar nicht mehr. Londonderry war täglich in den Nachrichten, in London konnte ich wegen zahlreicher IRA-Anschläge nicht mehr nach langer Schiffsreise im Bahnhof Victoria duschen („Closed“), bevor ich weiter nach Schottland reiste, aber die innerirische Grenze zwischen Nord- und der Republik Irland konnten wir damals anstandslos im PKW überqueren.

Was für ein Kontrast zur Ein- und Ausreise nach bzw. aus „Berlin, Hauptstadt der DDR“, als ich mich weiland mit einem Brieffreund aus der Niederlausitz an der Weltzeituhr auf dem Alex verabredet hatte! Mir schlotterten die Knie vor Angst, weil ich verbotenerweise eine LP von den Doors in meinem Rucksack hatte, die sich mein Brieffreund so sehnlichst wünschte. Unsere Briefe wurden ja auch mitgelesen – ich bekam seine immer mit Klebestreifen verschlossen.  Jahrzehnte später sollte ich erfahren, dass sie auch auf westdeutscher Seite geöffnet wurden. Alle wussten also Bescheid: B. wünscht sich eine verbotene LP, und C. bringt sie ihm mit. Aber alles ging gut, und B. war der glücklichste Mensch auf dem Alex, als er die Platte aus dem Geschenkpapier riss. Eine Szene aus Leander Haußmanns Film „Sonnenallee“ erinnerte mich lange nach dem Mauerfall an diesen (welt-)bewegenden Moment. B. hatte bis zuletzt nicht geglaubt, dass es mit unserem Treffen klappen würde. Ich ja eigentlich auch nicht, denn es war mein erster Versuch, nach Berlin einzureisen und ein paar Stunden im Ostsektor zu verbringen. Arglos versuchten wir – mein schottischer Freund und ich – per Anhalter zwar nicht gleich durch die Galaxie, aber doch wenigstens von Hamburg nach Westberlin zu kommen. Ein Autofahrer wollte uns mitnehmen, klärte uns dann aber auf, dass Bewohner der alliierten Staaten nur über Helmstedt in die DDR einreisen durften. Also zurück, marsch, marsch. Die nächste Hürde waren die „Visagebühren“ auf einem Parkplatz an der Transitstrecke. Ich hatte schon einige Geschichten gehört, dass man dort neue Passbilder machen lassen sollte, wenn das Foto eine andere Haar- oder Barttracht als die augenblickliche des Passinhabers zeigte. Wohl deshalb las ich dieses Wort prompt als „Visage-Bühren“.  Zum Glück erkannte man uns auf unseren Konterfeis aber mühelos wieder. Doch ich schweife ab.

Die Grenzüberschreitung in Irland war dagegen gar nicht erwähnenswert. Trotz der täglichen Schüsse und der Berichte vom Teeren und Federn.

In Dublin besuchten wir dann eine große musikalische Veranstaltung. Eigentlich war das Thema Irish Folk, aber es wurden doch unangenehme nationalistische Töne angeschlagen, dass ich mich mitten im Kalten Krieg wähnte. Ein anderer Schauplatz und andere Hintergründe, aber die Parallele lag klar auf der Hand. Mir war sehr beklommen zumute, auch wenn die musikalischen Darbietungen größtenteils sehr schön waren. Nur leider nicht durchweg für mein Gefühl. Das Lied von dem sterbenden Soldaten, der sich als letzten Wunsch ausbedingt, man möge ihn doch noch einmal auf den Berg tragen, von dem er den Ort sehen könne, wo einst die Schlacht gewonnen ward (ja, das muss hier unbedingt „ward“ heißen, so feierlich ist das!), da setzte es doch fast bei mir aus. Mühsam beherrschte ich mich. Anschließend erklangen aber wieder nationalistische Töne, an die ich mich schon fast gewöhnt hatte, und dann … kündigte der Moderator an, dass die lieben Kinder jetzt die Internationale vortragen würden. Ich wunderte mich. Die Internationale im katholischen Irland? Wie passte das denn bloß zusammen? Mit Feuereifer legten die Kleinen los. Nie wieder habe ich Menschen so schief singen hören. Und so hingebungsvoll. Natürlich bekam ich einen Lachkrampf (ist doch auch ein erkämpfenswertes Menschenrecht, oder?), den ich gewaltsam zu unterdrücken suchte. Man drehte sich empört zu mir um, und ich befürchtete schon, gelyncht zu werden. Man stelle sich vor, bei einer feierlichen politischen Veranstaltung in der DDR hätten die Pioniere „Ave, Maria!“ gesungen. Nein, das ist unvorstellbar. Oder etwa nicht?

Auf ein Neues, Irland! Sicher hast Du Dich inzwischen sehr verändert. Vielleicht so sehr wie die zwei Deutschländer?

2 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher, Ditt un dat, Film

2 Antworten zu “Sweet Molly Malone, I’m coming…

  1. Das ist eine schöne Geschichte, die mit den Doors und den geöffneten Briefen (kenne ich auch) und dem Glück auf dem Alexanderplatz.

    Darf man wissen, was Dich nun nach Irland verschlägt?

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    • Nanu, klingt das etwa so, als wollte ich Hals über Kopf in ein quasi unbekanntes Land auswandern? Nein, nein, *aus-* kannst Du getrost streichen. Nach dem Motto „Schön ist es auch anderswo, und hier bin ich sowieso“ bzw. in der Übersetzung von Charles T. Brooks

      „Can’t I, as I pass,“ said [s]he,
      „View the distant scenery?

      Beauty reigns elsewhere, I know,
      Whereas here ‚tis but so-so.“

      will ich die grüne Insel per Pedes – eventuell auch per Pedale – kreuz und quer erkunden.

      Man nennt es auch Urlaub … Und die Ohren werde ich weit aufsperren, um mich in das ganz spezielle Idiom (nein, nicht Gälisch) einzuhören.

      Interessant übrigens, dass die englische Übersetzung inhaltlich über das Ziel hinausschießt. Wilhelm Busch behauptet ja mitnichten, dass die Landschaft hier nur so lala sei. Aber *so-so* und *know* reimen sich nun mal, das ist schon richtig.

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