So ein Banause

Einen Fernseher habe und vermisse ich auch nicht, ins Kino gehe ich nur noch selten, Filme sehe ich dennoch gern und oft. Ich leihe sie mir aus den HÖB, den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen, auf DVD aus. Das hat den Vorteil, dass ich sie mir in verschiedenen Sprachen ansehen oder erfahren kann, wie besonders knifflige Stellen von den lieben ÜbersetzerkollegInnen gelöst wurden.

Meine neueste Zufallsentdeckung war die zweite Staffel von Mad Men. Ich bin fasziniert: Der Zeitgeist der Sechzigerjahre mitsamt Kaltem Krieg, gesellschaftlichen Umwälzungen, Rassenkonflikten in den USA, aufkeimende Emanzipationsbestrebungen der Frauen etc. pp.,  ist ja wirklich erstaunlich gut eingefangen, chapeau! Inzwischen habe ich alle Sekundärquellen ausgeschöpft, die das Internet dazu bietet – Interviews mit den Schauspielern, mit dem Drehbuchautor Matt Weiner. Der Mann hat es doch faustdick hinter den Ohren. Ich frage mich, wie viele Zuschauer außer mir er mit folgender Szene provoziert hat: Der Protagonist, Werbefachmann par excellence, bändelt mit einer jungen Dame an, die gerade William Faulkners The Sound and the Fury* liest – eines der bedeutendsten Werke der amerikanischen Literatur. Als literarische Anspielung gefällt mir so etwas natürlich. Aber dann …! Schockschwerenot: Die junge Dame verlässt das Zimmer, Macho Don Draper verabredet sich telefonisch mit einer anderen Frau und fragt nach ihrer Adresse. Die notiert er sich auf eine Seite im Roman, reißt diese heraus und steckt sie ein. Hat man Töne für so ein Sakrileg?

Vielleicht war es ja auch gar nicht als Provokation gedacht, sondern die Rache des Drehbuchautors, weil er über das Buch mal eine Arbeit schreiben musste? Immerhin denkbar. Ich erinnere mich an eine öffentliche Veranstaltung im Rundfunk mit Hans Magnus Enzensberger. Meldet sich doch tatsächlich ein Mann aus dem Publikum und schimpft: „Ihretwegen hatte ich eine 5 in Deutsch, weil ich Ihre Gedichte einfach nicht kapiert habe!“ 😉

* Eine deutsche Übersetzung von Helmut M. Braem – dem Namensgeber für den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis –  erschien unter dem Titel Schall und Wahn.

2 Kommentare

Eingeordnet unter amerikanische Literatur, Bücher, Film, literarische Übersetzung ins Deutsche

2 Antworten zu “So ein Banause

  1. Philipp Elph

    Die Szene gefällt mir, doch nehme ich an, dass wenige Betrachter sie wahrnehmen. Ich werde sie mir merken!

    Gefällt mir

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