Englisch lernen in 30 Stunden? – Let’s Call the Whole Thing Off

And now for something completely slightly different!

Auch im Texttreff, dem Netzwerk wortstarker Frauen, gab es eine große vorweihnachtliche Blogwichtelaktion, an der sich 45 Frauen der schreibenden Zunft (weitgefasst ausgedrückt) mit 55 verschiedenen Blogs beteiligt haben. Nur war es durchaus kein Geheimnis, wen das Los jeweils für einen Gastartikel bestimmt hatte, und so freue ich mich, jetzt den Blogwichtelartikel von Birgit Schmidt-Hurtienne vom Blog … Auslassungspunkte hier veröffentlichen zu dürfen. 🙂

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»Nach meiner Erfahrung braucht man zum Erlernen des Englischen 30 Stunden, des Französischen 30 Tage, des Deutschen 30 Jahre. Entweder reformiere man also diese Sprache, oder man lege sie zu den toten Sprachen, denn nur die Toten haben heutzutage noch Zeit genug, sie zu erlernen.«

So tönte* Mark Twain 1880 in seinem bekannten Essay, in dem er sich hingebungsvoll und ausgiebig über »Die Schrecken der deutschen Sprache« ereiferte und mokierte. Dabei zählt seine eigene Muttersprache Englisch nicht nur 24 Varietäten, sondern verfügt auch sonst über genügend Tücken und Fallstricke, die Lernwillige und Muttersprachler/innen gleichermaßen ins Taumeln bringen können.

 »Let’s Call the Whole Thing Off«

Die unterschiedliche Aussprache derselben Wörter zählt dabei noch zu den kleinsten Hürden, die allerdings große Sprengkraft für Beziehungen zwischen Engländern und Amerikanern besitzen kann. Zumal wenn sie gegensätzlichen Geschlechts sind und sich auf Kinoleinwänden bewegen. Ebendort bekamen sich Ginger Rogers und Fred Astaire 1937 im Filmmusical »Shall We Dance«  über die »korrekte« Aussprache von Tomaten und Kartoffeln jedenfalls derart in die Haare, dass ihre geplante Eheschließung zu scheitern drohte. Es ist wohl nur George und Ira Gershwin und der Zauberkraft der Musik zu verdanken, dass die ganze Sache schließlich doch nicht abgeblasen wurde.

»I’m chuffed to bits by your ba-donka-donk«

»England and America are two countries divided by a common language«, soll der irisch-britische Schriftsteller George Bernard Shaw gesagt haben. Diese Erkenntnis bewahrheitet sich spätestens dann, wenn die Gesprächsbeteiligten sich nicht der englischen Hochsprache, sondern der Umgangssprache bedienen. Eine Verständigung scheint dann nahezu unmöglich, wie der britische Schauspieler Hugh Laurie und die amerikanische Moderatorin Ellen DeGeneres einmal in einem »heiteren Slang-Raten« humor- und eindrucksvoll demonstrierten:

Trying one’s best vs. trying one’s patience

Schon der hochsprachliche Bereich selbst hält im Englischen viele Möglichkeiten für Missverständnisse bereit. Zum Beispiel in Form der gefürchteten Auto-Antonyme [engl. »contronym«], die wir im Deutschen zwar auch aber nicht in so großer Vielfalt kennen. Die englische Sprache scheint dagegen ein regelrechtes Faible für Wörter mit gegensätzlichen Bedeutungen zu haben:

»Something that is ›fast‹ is either stuck firmly or moving quickly. A door that is ›bolted‹ is secure, but a horse that has ›bolted‹ has taken off. If you ›wind up‹ a meeting you finish it; if you ›wind up‹ a watch you start it. […] ›Quinquennial‹ describes something that lasts for five years or happens only once in five years. ›Trying‹ one’s best is a good thing, but ›trying‹ one’s patience is a bad thing.« [Bill Bryson, Mother Tongue, S.63f.]

»Enuf is enuf«

Ganz zu schweigen von den Tücken der englischen Rechtschreibung, die mit der Aussprache mancher Wörter nicht immer in Einklang steht – ich sage nur »Colonel« oder »debt«. Um eine Vereinfachung der englischen Rechtschreibung zu bewirken, waren schon im vergangenen Jahrhundert berühmte Männer bereit, viel Geld auszugeben. Andrew Carnegie zum Beispiel, der 1906 das »Simplified Spelling Board«  ins Leben rief und fünf Jahre lang mit jeweils 15.000 Dollar pro Jahr (oder 20.000, hier variieren die Quellen) unterstützte. Einer Summe, die heute in etwa 350.000 Dollar entspricht. Das erklärte Ziel war, die teils widersprüchlichen und komplizierten Rechtschreibregeln zu vereinfachen, um Englisch als zukünftige Weltsprache zu etablieren. Bis 1915 hielt Carnegie durch, obwohl ihm der Reformübereifer seiner Mitstreiter, die gleich eine Liste mit 300 zu vereinfachenden Schreibweisen herausgab, ein ständiger Dorn im Auge war. Er selbst hätte am liebsten nur die Schreibung von 12 Wörtern reformiert und anschließend für die Durchsetzung der reformierten Schreibweisen gekämpft. Wie verbunden er seinen Reformzielen war, geht aus den Zeilen hervor, mit denen er sein Engagement für das SSB schließlich beendete:

»I think I hav been patient long enuf … I hav much better use for twenty thousand dollars a year.« [Andrew Carnegie, My views about Improved Spelling 1906-1915, Columbia University, Brander Matthews’ Manuscript Collection, S. 893]

»Do you speak English?«

Trotz dieser widrigen Umstände und der keineswegs leichten Erlernbarkeit des Englischen – zumindest wenn man all seine Klippen umschiffen und all seine Finessen beherrschen will – scheint der Siegeszug dieser Sprache auf der ganzen Welt ungebrochen. Irgendein Zauber muss der englischen Sprache innewohnen … Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass zumindest die Anbahnung einer Kommunikation auf Englisch sehr einfach funktioniert:

»Do you speak English?« – »Honey, I do!«

Diesen Trick Schlüssel zum Glück kannte schließlich schon Chris Roberts.

* So tönte:

Anm. der bewichtelten Bloggerin: Laut Quellenangabe im Projekt Gutenberg tönte der Gute in diesem Fall sogar auf Deutsch, wie ich bei der vergeblichen Suche nach einem deutschen Übersetzernamen feststellen musste. Aber irgendwer wird es ihm doch damals übersetzt haben? So ein Sprachgenie war Twain ja nun auch wieder nicht …

Ach ja, hier ist übrigens mein Gastbeitrag bei Textine Ines Balcik. Nicht, dass ich besonders schreibfaul wäre, aber jener doppelt elefantöse Blog zeichnet sich durch besonders kurze Einträge aus, da wollte ich meine Elefanten nicht aus der Reihe tanzen lassen. Des Rätsels Lösung, die Frage nach dem Verbleib des Elefanten, weiß ich inzwischen auch. Es ist der Name des Boots, das im Header zu sehen ist.

ANHANG

Hier schon mal die Linkliste der anderen mir bislang bekannten bewichtelten Textinenblogs, die ich gern laufend ergänze, falls erwünscht:

http://www.abiditext.de/2903/guckt-mal-warum-eine-werbetexterin-was-geschrieben-bekommt/
http://www.worthauerei.de/dogblog/index.php/werbung/blogging/katzen/
http://wortakzente.wordpress.com/2011/12/16/buch-2011-stapeln-ladegerat/
http://www.foodkomm.de/2011/12/blogwichtel-kochbuch-rezension/
http://www.textzicke.de/ich-wurde-beblogwichtelt/
https://anglogermantranslations.wordpress.com/2011/12/17/englisch-lernen-in-30-stunden-lets-call-the-whole-thing-off/
http://textania.de/blog/2011/12/mach-mal-kaffeepause/
http://archiv-e.de/2011/12/ein-ganz-besonderes-weihnachtsgeschenk/
http://sprachblog.ib-klartext.de/lektorat.php/text/notizen/muenchner-weisswuerscht/
http://www.klartext-anwalt.de/2011/12/krimischreiber-und-rechtsanwalte/
http://kinderohren.wordpress.com/2011/12/13/besten-beerdigungen-der-welt/
http://freitext.wordpress.com/
http://www.heldenstadt.de/
http://text-burger.de/?p=949
http://treffpunkt-twitter.writingwoman.de/index.php/twitterblog/blogging/die-follower-in-der-grauzone-eine-zielgruppe-mit-potenzial/
http://www.bauerngartenfee.de/index.php/garten/blogging/gaertnerin-fuer-einen-sommer/
http://www.texttreff.de/blog.php?id=P2521
http://ninakatarina.wordpress.com/2011/12/05/blogwichteln-iii/
http://www.fragologie.de/2011/12/fragologie-im-beruf-texterin-gastbeitrag/
http://www.balcik.de/elefant2/
http://www.andreabehnke.de/gastbeitrag-lernen-fuer-anfaenger/2011/12/03/
http://autorenblog.writingwoman.de/index.php/blog/blogging/hoch-lebe-die-mittagspause-gastbeitrag/
http://sprachblog.ib-klartext.de/lektorat.php/text/notizen/thueringer-weihnachtsgebaeck/
http://haustiger.info/blogwichteln-katzen-und-intelligenz/
http://www.textsektor.de/blog/2011/12/virtuelle-netzwerke-%E2%80%93-das-pralle-leben-auch-real/
http://www.textschneiderei.de/blog/blog-post/2011/12/01/blogwichteln-eine-liebeserklaerung/
http://hsv.manongarcia.de/2011/12/17/gastbeitrag-petra-a-bauer-hsv/
http://www.andrea-groh.de/?p=916
http://wort-gestalten.de/sparen-prozente-top-preis-vier-erkenntnisse-zur-briefkastenwerbung/
http://sahnehaeubchen.twoday.net/stories/55777038/
http://noraguenther.wordpress.com/2011/12/17/vom-buddeln-und-schreiben/
http://ergo-im-netz.de/2011/12/13/ich-bin-ein-wicht-el/
http://textnatur.com/2011/12/der-tiger-%E2%80%93-ein-faszinierendes-kraftpaket-und-doch-bedroht/
http://www.wortsalat.info/?p=622
http://www.querbeet-gelesen.de/?p=4517
http://blog.textschliff.de/?p=69
http://autorenexpress.de/blog/
http://wort-gestalten.de/mein-woerterjahr/
http://www.jinxx.net/2011/12/20/texttreff-blogwichteln-ein-weises-blatt-papier-von-katrin-zinoun/
http://www.selbststaendig-und-dann.de/2011/12/21/doppelleben-mal-anders/
http://www.c-hacke.de/steuer-saetze/2011/12/22/klartext-und-steuern-geht-nicht-muss-aber/
http://www.heide-liebmann.de/blog/2011/12/22/wege-aus-dem-chaos- ordnung-in-die-buchhaltung/
http://auslassungspunkte.wordpress.com/2011/12/22/punkt-fur-punkt/
http://textania.de/2011/12/regelmaessig-bloggen-von-anika-abel/
 
Netterweise hat Andrea unter dem Titel Ein Sack voller Geschichten  inzwischen eine noch übersichtlichere Liste zusammengestellt. Dankeschön.
 
 

5 Kommentare

Eingeordnet unter Gastartikel, languages, Texttreff-Blogwichteln 2011

5 Antworten zu “Englisch lernen in 30 Stunden? – Let’s Call the Whole Thing Off

  1. Pingback: Ein Sack voller Geschichten | querbeet gelesen

  2. Pingback: Texttreff: Wo die wortstarken Frauen blogwichteln | … Auslassungspunkte

  3. Vielen Dank für die Blumen, liebe Nina!

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  4. Liebe Birgit, was für ein schöner Text!

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  5. Pingback: Blogwichteln – was ist das nun wieder? | Übersetzen und Literatur, doch nicht nur

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