Der Maronengraben

Ich weiß nicht genau, ob es ihn gibt, aber die Vermutung liegt nahe. Mit dem Weißwurstäquator und dem Röstigraben kann doch jeder auf Anhieb etwas verbinden. Manche meinen auch, an Ingwer müsse man von klein auf gewöhnt sein, um ihn ständig in der eigenen Küche zu verwenden – was stimmen könnte, denn ich verwende ihn selten, weil ich immer wieder vergesse, dass es ihn gibt.

Und jetzt stolpere ich über ein italienisches Maronenrezept, das ich für eine Kochkarte übersetzen soll. Mit Kastanien habe ich als Kind gern gebastelt oder Rehe im Wildpark gefüttert, mit Rosskastanien natürlich. Esskastanien habe ich nur ein einziges Mal probiert. Sie kamen aus dem Backofen von Freunden, und die Schalen waren aufgeplatzt. Da dieses einmalige Erlebnis kein heißes Verlangen in mir geweckt hat, kam ich nie auf die Idee, nach Maronen zu suchen, geschweige denn, sie kulinarisch aufzubereiten – weder in freier Wildbahn noch bei Tante Emma oder Onkel Mustafa. Auch heiße Maronen kenne ich nur aus südlichen Ländern. Vielleicht gibt es die auch in Deutschland – irgendwo, hier jedenfalls nicht. Hier schießen nur Glühweinstände wie Pilze aus dem Boden, sobald die Temperaturen ein winziges bisschen unter Null zu sinken drohen. Kastanien holt hier also keiner für mich aus dem Feuer. Na ja – ich will ja auch gar keine. Und wenn ich sie wollte, hätte ich Pech gehabt. Oder müsste in andere Gefilde. Noch so ein Kulturgraben, dessen Vorhandensein ich im Alltag gar nicht bemerke. Maronen fehlen mir in etwa so wie einem Bayern die Dörrpflaumen in der Aalsuppe, bzw. beides zusammen.

Aber jetzt steht also in diesem von mir zu übersetzenden Rezept:  Sbucciate le castagne, lessatele e… blablabla. Man soll sie also schälen und kochen. Wie das? Vielleicht mit einem Nussknacker? Die anderen Rezepte sind Schritt-für-Schritt-Anleitungen, also muss doch auch dieses idiotensicher formuliert sein – für Kastaniendummies wie mich? Wie bitte schält man die Dinger denn nun? Die sind doch viel zu hart? Dass man sie einritzt und in den Backofen legt, verstehe ich. Aber so steht’s hier nicht. Schälen soll man sie. Basta. Eine Umfrage im Bekanntenkreis ergibt: Man schneidet sie kreuzweise ein und legt sie in den Backofen. Davon steht hier aber nichts. Grübelgrübelgrübel. Ich kann mich ja bei allen Anleitungen bzw. Rezepten immer sehr gut in die Leser versetzen. Eine Anleitung muss nachvollziehbar sein, sonst reagiert man doch höchst unwirsch. Man kann die Socke nie fertig stricken, das Soufflé fällt zusammen usw. – und natürlich ist nie der Autor schuld, sondern der Übersetzer. Kennt man ja.

Eben war ich im Supermarkt. Auf einem Regal liegt alles für die Weihnachtsbäckerei bereit. Ganz oben auf dem Stapel: „Esskastanien, gekocht“ (vakuumverpackt). Ich beäuge die Klarsichtpackung interessiert. Ja, die Schalen sind weg. Zwei Männer kommen näher und beginnen eine Fachsimpelei über ebendiese Maronen. Meine Chance! Ich frage sie, ob sie die des öfteren essen und falls ja, wie man die denn schält? Sie kennen nur die Backofenmethode. Mit vorherigem Einschneiden an der weicheren Unterseite. Aha! Mir dämmert’s!

Jenseits des Maronengrabens (und ich bin offenbar auf der falschen Seite) ist das Zubereiten von Kastanien offenbar eine solche Selbstverständlichkeit, dass man die Einschnitt-und-rein-in-den-Backofen-Phase getrost als bekannt voraussetzen kann. Sie ausdrücklich zu erwähnen, wäre so wie … hm … in einem Rezept zu schreiben, man solle die Kartoffeln schälen, und zwar mit einem Kartoffelschälmesser. Auf dass es der ungeübte Koch es nicht etwa mit Hammer und Sichel versucht? Oder mit einem Lichtschwert? Ich werde jetzt also die bereits geschälten Maronen kochen und zu Mus pürieren. Wenigstens auf dem Papier, nein, digital. Passt schon.

     

9 Kommentare

Eingeordnet unter Übersetzung, deutsche Übersetzung, Ditt un dat, lingua italiana, Rezepte

9 Antworten zu “Der Maronengraben

  1. Karin Schindler

    Maronen Marmelade kann ich mir auch nicht vorstellen. Aber ich habe da noch ein Rezept für Marronihonig mit Vanille, das werde ich mal noch ausprobieren. Der eignet sich gut als Brotaufstrich.
    Ich stelle mir das gerade auf frischem Bauernbrot aus dem Holzofen vor.
    Es gibt ja schließlich auch Brot mit Kastanienstücken.
    Oder da wäre noch die Biskuitrolle mit Maronencremefüllung, mmmh.
    Ich glaube, ich muss bald mal wieder nach Frankreich zum Einkaufen (nur wenige Kilometer entfernt-Heimvorteil).

    Gefällt mir

  2. Vielleicht wäre für uns Nördliche eine freie Übersetzung am nützlichsten: Man gehe in ein Feinkostgeschäft und kaufe eine Packung …
    Jedenfalls interessant. Ich kannte Maronen lange Zeit nur von einer Tante, die immer einen Stoffbeutel dabei hatte, wenn sie vor die Tür ging.

    Gefällt mir

  3. Philipp Elph

    Im Pfälzer Wald am Rande der Südlichen Weinstraße gibt es viele Eßkastanien: http://www.deutsche-weinstrasse.de/de/die-pfalz-entdecken/die-pfalz/der-pfaelzerwald/ – und auch viele Möglichkeiten, Produkte – alkoholische und nichtalkoholische – einzukaufen.

    Gefällt mir

  4. Soweit ich mich erinnere, kann man die Maronen auch ganz kurz kochen (5 min oder so), um sie gut schälen zu können. Dann weiterverarbeiten. Oder lange (stundenlang, genaue Zeit weiß ich aber nicht mehr), um die gekochte Variante zu erhalten.
    Das Einschneiden (ganz wichtig!) und im Backofen braten, ist zwar sehr lecker für den sofortigen Verzehr, aber nicht für alle Rezepte geeignet.
    Dies sind aber nur Kindheitserinnerungen (italienische Mutter) ohne Gewähr (!), ich selbst mache das praktisch nie, denn hier in Wien kauft man ein Stanitzl heißer Maroni einfach an irgendeinem der vielen Standerln. 😉

    Gefällt mir

    • Theoretisch wären solche „Standerln“ ja eine Marktlücke hier oben in der maronenfreien Zone. Doch ich will es lieber nicht darauf ankommen lassen. Vielleicht bliebe dann doch der Massenandrang aus und ich auf den ungeliebten hartschaligen Früchten sitzen.

      Gefällt mir

  5. Karin Schindler

    Maronen- einst ein Essen armer Leute, kommen immer mehr in Mode.
    So war es mit den Kürbissen auch. Aber nicht jeder mag ihren Geschmack und die Zubereitung ist, wie du schon festgestellt hast, etwas mühsam. In Frankreich, der Schweiz (Tessin) und in Italien gehören sie zum Kulturgut.
    Ich verwende meist auch die vorgekochten, geschälten, französisches Kastanienpüree aus der Dose oder Kastanienmehl aus Italien.
    LG Markgraeflerin

    Gefällt mir

    • Interessant, Karin. Eigentlich komisch, dass man hier (noch?) weitgehend Kastanienkonsumverzicht übt. Die Bäume wachsen ja bei uns auch.

      Gefällt mir

    • Karin Schindler

      Dann kennt ihr bestimmt auch keine Vermicelles, das ist ein Dessert aus Kastanienpüree mit feinem Zucker und Kirschwasser, durch eine (Spätzle)-Presse gedrückt, mit Schlagsahne und Meringen, in der Schweiz zur Maronenzeit ein absolutes „must have“.
      Dann natürlich den Marroni Cake. Die Marroni gelten als sehr gesund, da fettarm (natürlich nur pur), vitaminreich, mit viel Ballaststoffen und daher sehr sättigend.
      Schon Hildegard von Bingen hat auf deren nervenstärkende Wirkung geschworen. Bei Depressionen empfiehlt sie sogar täglich eine rohe Esskastanie zu essen (wäre jetzt nicht so mein Fall!).
      Sie passen auch gut zu Wild, z. B. im Rotkraut. In der Schweiz habe ich auch schon getrocknete Marroni gekauft, die muss man aber vor dem Kochen über Nacht einweichen, das ist also auch etwas aufwändiger.

      LG Karin

      Gefällt mir

    • Danke für die Anregungen, Karin 🙂 Tatsächlich kenne ich Maronenkuchen nur vom Hörensagen. Da es jetzt ausnahmsweise bereits vorgekochte Esskastanien als Saisonartikel im Supermarkt um die Ecke gibt, sollte ich vielleicht zuschlagen und mal ein bisschen experimentieren? Das schon erwähnte Rezept werde ich aber links liegen lassen, denn das ist für Maronenmarmelade. In Marmelade gehören für meinen Geschmack aber unbedingt saftige Früchte – keine Kastanien, keine Eicheln und auch keine Bucheckern … Sicher gibt es auch irgendwo in meiner Nähe das von Dir erwähnte Püree in Dosen zu kaufen – Hamburg ist ja groß, und hier gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Man müsste nur gezielt danach suchen. Ich erinnere mich auch dunkel an Wasserkastanien in chinesischen Gerichten, aber nur in Großbritannien. Die fand ich zwar genießbar, aber ein besonderer Genuss war das nicht. Vielleicht Gewöhnungssache? Meiner ersten Avocado, der ersten Aubergine und dem ersten Zucchino konnte ich ja auch so gar nichts abgewinnen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s