„Er ist krüsch!“

Das sagte mir die waschechte Hamburgerin in der Bücherhalle (alias HÖB), als das Lesegerät mein Buch nicht zur Rückgabe annehmen wollte. Und er war natürlich „es“. Das war meine Chance! Waschechte Hamburgerinnen laufen mir schließlich nicht jeden Tag über den Weg. Eher selten. „Wie würden Sie ‚krüsch‘ denn einem Nichthamburger übersetzen?“, fragte ich schnell. „Ginge vielleicht ‚pingelig‘?“ Nein, das gefiel ihr gar nicht. „Oder ‚wählerisch‘?“ Das fand auch keine Gnade vor ihren Ohren, kam dem Sachverhalt ihrer Meinung nach aber schon näher. Und recht hat sie, denn krüsch ist krüsch und sonst gar nichts. Man kann den Sinn solcher Missingsch-Vokabeln ja durchaus intuitiv erfassen, wenn man sie im Kontext und immer wieder mal zu hören bekommt. Dann aber kam schon die nächste Überraschung aus ihrem berufenen Mund, ein mir unbekanntes Missingsch-Nomen. „Ja, ich hatte da mal ein Problem mit einem Fahrtuch.“ Blitzschnell überlegte ich. Vielleicht war das ein Halstuch, das eine Pfadfinderin auf Großfahrt trägt? Nein, doch nicht. Die Dinger heißen wohl Fahrtentuch? Die Erklärung lieferte sie gleich hinterher: „Ich habe mal in einer Jugendherberge nach einem Fahrtuch gefragt, und niemand wusste, was ich meinte. Schließlich sollte ich sagen, was ich denn damit anfangen wollte. ‚Na, wischen natürlich!‘, hab ich dann gesagt.“ Aha, das Fahrtuch ist also ein Kollege von Handeule, Feudel & Co. Man lernt doch nie aus.

Die Anekdote erinnerte mich an eine Bildungsreise für Hamburger Friedhofsgärtner, die ich als Dolmetscherin begleitete. An einem freien Nachmittag schwärmten alle auf eigene Faust los, um London auf den Kopf zu stellen.  Nur meine Zimmergenossin kehrte etwas enttäuscht ins Hotel zurück:

„Ich wollte mir ein Brötchen kaufen, aber es ist mir nicht gelungen.“
„Nanu? Was haben Sie denn gesagt?“
„I want to buy a roundpiece!“

Tja, vermutlich hätte sie auch in München oder Frankfurt nicht das gewünschte Rundstück bekommen. Diese runde Sache dürfte sprachlich wohl auf dänischen Einfluss zurückgehen. Ähnlich wie das Franzbrötchen.  Aber das ist eine andere Geschichte.

5 Kommentare

Eingeordnet unter deutsch, Ditt un dat, Hamburg

5 Antworten zu “„Er ist krüsch!“

  1. Pingback: Meine Stadt von A bis Z – Hamburg | Übersetzen und Literatur, doch nicht nur

  2. Dem schließe ich mich an. Ich liebe solche Wörter.
    Handeule … Das klingt ein wenig nach Falkenjagd.

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  3. fiona

    Oh ja! Bitte weiter mit dem Franz…

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