„Mit dem Hute in der Hand …“

In einer internationalen Übersetzerliste (Rosetta-L) wurde gerade dieser Artikel der BBC diskutiert. Das Thema ist nicht neu und auch Gegenstand dieser bunten Liste. Doch dass man in Deutschland überhaupt keinen Smalltalk kennt, stimmt so natürlich nicht, denn sonst gäbe es keinen Bedarf für dieses Lehnwort. Übers Wetter reden Deutsche schon mal – allerdings sehr viel seltener. Was mir seit einiger Zeit aber fürchterlich auf den Keks geht, ist diese neumodische Höflichkeitsfloskel „Schönen Tag noch!“ nebst allen möglichen Varianten. Die armen SupermarktkassiererInnen müssen es wohl um die tausend Mal pro Woche abspulen, und leider hat es auf den Rest der Bevölkerung übergegriffen. Muss das wirklich sein? „Auf Wiedersehen“ & Co. (tschüss usw.) reichen doch völlig aus. Ich halte das für einen Anglizismus, nein, einen Amerikanismus à la „Have a nice day!“, wenn man sich bemüßigt fühlt, das tagtäglich unzähligen Wildfremden zu wünschen, die einem herzlich gleichgültig sind.

Was mich am BBC-Artikel aber am meisten befremdet, ist der „Beleg“ der deutschen Übersetzung [welcher eigentlich?] vom Bären Paddington. Dass diese Zeilen

‚Hallo Mrs Bird,‘ said Judy. ‚It’s nice to see you again. How’s the rheumatism?‘ ‚Worse than it’s ever been‘ began Mrs. Bird.‘

fehlen, beweist doch gar nichts. So etwas kommt in literarischen Übersetzungen schon mal vor und muss überhaupt keine Absicht sein. Doch, manchmal fielen – besonders in älteren Übersetzungen – kleine oder größere Passagen unter den Tisch. Vermutlich mit dem Hintergedanken, der geneigten Leserschaft werde es ohnehin nicht auffallen. Zumindest bei Übersetzungen aus dem Englischen ist diese Annahme mittlerweile illusorisch. Zum aktuellen Fall der fehlenden zwei Zeilen, die als Beweis für den Kulturgraben herhalten sollen, bemerkte der irische Übersetzer Billy O’Shea sehr treffend:

By that logic, Winnie the Pooh would probably never have made it into German at all – its exaggerated politeness and formal language (parodying the adult world) is the whole point of the humour.

Eben. Point well taken, Billy. 🙂

Abschließend wollte ich mal sehen, wie verbreitet mein Zitat aus dem Betreff heute noch ist. Neuerdings trägt „man“ (= viele) ja wieder Hut, da müsste doch die äußerliche Höflichkeit auch wieder sprunghaft ansteigen?  Ganz oben unter den Treffern fand ich einen ZEIT-Artikel aus dem Jahr 1949. Zitat:

Es ist nämlich mit der Höflichkeit so, wie mit den Rosen. Diese sind zwar immer schön, aber erst riditige [sic] Rosen, wenn sie duften. Der Duft der Höflichkeit ist, daß sie von Herzen kommt.

Ein schönes Bild fürwahr – doch gibt es seit 1949 viele Neuzüchtungen, die nach gar nichts duften, so wie diese Rose, die ich Euch jetzt zuwerfe:

                       Die Schönen-Tag-noch-Rose                                                              für alle meine Leserinnen und Leser                                                                                   Foto: anglogermantranslation                                    

Schönes Restwochenende!

Nachtrag vom 19. Oktober 2012

Noch ein Beispiel für ausgesuchte Höflichkeit im öffentlichen Raum.

2 Kommentare

Eingeordnet unter deutsche Übersetzung, englische Literatur, English to German translator, German translation

2 Antworten zu “„Mit dem Hute in der Hand …“

  1. Pingback: Pretty Please With Sugar on Top :-) | Übersetzen und Literatur, doch nicht nur

  2. joulupukki

    „Der Duft der Höflichkeit ist, daß sie von Herzen kommt.“

    Erinnert mich an eine lebhafte Publikumsdiskussion mit Thomas Schäfer Elmayer (seines Zeichens wandelnder österreichischer Knigge), in der ich einwarf, dass er sich doch über die wachsende mangelnde Achtung vor Etikette und Benimmkultur nicht zu wundern braucht, wenn er jedem A***loch und Charakterschwein im Schnelldurchlauf beibringt Benehmen vorzutäuschen.
    Angelernte Benimmkultur stinkt meilenweit, mangelnde Werte kann man damit nicht kaschieren.
    Das funktioniert nunmal genauso gut, wie Satin Vorhänge vom Ikea. Von draußen sieht man prächtig rein, bloß der Nackte im Zimmer wähnt sich geschützt.

    Aber die Rose auf deinem Bild duftet mit Sicherheit, die sieht wild aus und die Wilden duften ^^

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