Die gar schröckliche Ballade vom Austernhändler und seiner Angebeteten

nach Motiven von The Ballad of the Oysterman von Oliver Wendell Holmes d. Ä., der Ballade von den zwei Königskindern und dem wilden Wassermann und der schönen jungen Lilofee, wobei die vier Letztgenannten aber bei mir zu Randfiguren verkommen und ich den wilden Wassermann überhaupt nicht im Gedicht erwähne. Ich denke ihn mir einfach mal mit. Ferner lässt der Dachs Morgensterns ästhetisches Wiesel schön grüßen, möchte aber auf keinen Fall gestört werden.

Die Ballade vom Austernhändler

Am Ufer eines Flusses, der
Ein Stückchen weiter floss ins Meer,
Da lebte einst ein junger Mann
Und bot stets frische Austern an.
Am andern Ufer, welch ein Glück!
Wen, glaubt ihr wohl, streifte sein Blick?
Er streifte eines Fischers Tochter.
Hach!, die mocht‘ er!

Dann, eines Nachts im Mondenschein,
Sah er des Fischers Töchterlein
Wie es ihm winkte mit ’nem Tuch.
Der Angewinkte dachte huch!,
Wenn das kein Zaunpfahl ist, was dann?,
Sinnierte er, der Austernmann,
Und stürzt‘ kopfüber in die Flut.
War’s Übermut? War’s Liebesglut?

Im Nu hat er den Fluss durchschwommen,
Das andere Ufer schon erklommen,
Er ward belohnt mit Kuss um Kuss
Und säuselte gar manchen Stuss –
Und schon war Schluss!
Zwar fiel kein Schuss,
Doch droht‘ Theater
Vom alten Fischer, ihrem Vater.
Der naht‘ und rief: „Was ist denn das?“
Gluck! (Sprung zurück ins kühle Nass …)

„Das war doch nur ein Kieselstein!
Den warf ich in den Fluss hinein!“
„Potzblitz, das ist ein Riesenkiesel!
Flitzt ja durchs Wasser wie ein Wiesel.
Ich spring jetzt in mein Fischerboot
Und schieß das Kieselwiesel tot!“
Dem hübschen kleinen Unschuldslämmchen
Erlosch vor Schreck das Lebensflämmchen.

Derweil ihr Liebster in den Fluten
Krampfhaft bemüht war, sich zu sputen.
Schließlich erlag er jenem Krampf.
Ernattet gab er auf den Kampf.
So sank er und ertrank. Doch dank
Der schönen Lilofee,
Die Beide hat verwandelt,
Ward unter Wasser fürderhin
Das Schalentier gehandelt.
Nun boten* Maid und junger Mann
Den Meerjungfrauen Austern an.

© anglogermantranslations

* Und wenn sie nicht zum zweiten Mal gestorben sind, so bieten sie noch heute.

Als krönender Abschluss nun  das amerikanische Original des Mediziners und Dichters Oliver Wendell Holmes sen. [1809-1894], das mittlerweile gemeinfrei ist.

The Ballad of the Oysterman

It was a tall young oysterman lived by the river-side,

His shop was just upon the bank, his boat was on the tide;

The daughter of a fisherman, that was so straight and slim,

Lived over on the other bank, right opposite to him.

It was the pensive oysterman that saw a lovely maid,

Upon a moonlight evening, a-sitting in the shade!

He saw her wave her handkerchief, as much as if to say,

‚I’m wide awake, young oysterman, and all the folks away.‘

Then up arose the oysterman, and to himself said he,

‚I guess I’ll leave the skiff at home, for fear that folks should see;

I read it in a story-book, that, for to kiss his dear,

Leander swam the Hellespont – and I will swim this here.‘

And he has leaped into the waves, and crossed the shining stream,

And he has clambered up the bank, all in the moonlight gleam;

Oh, there were kisses sweet as dew, and words as soft as rain, –

But they have heard her father’s step, and in he leaps again!

Out spoke the ancient fisherman, ‚Oh, what was that, my daughter?‘

“Twas nothing but a pebble, sir, I threw into the water.‘

‚And what is that, pray tell me, love, that paddles off so fast?‘

‚It’s nothing but a porpoise, sir, that’s been a-swimming past.‘

Out spoke the ancient fisherman, ‚Now bring me my harpoon!

I’ll get into my fishing-boat, and fix that fellow soon.‘

Down fell the pretty innocent, as falls a snow-white lamb!

Her hair drooped round her pallid cheeks, like seaweed on a clam.

Alas for those two loving ones! she waked not from her swound,

And he was taken with the cramp, and in the waves was drowned!

But Fate has metamorphosed them, in pity of their woe,

And now they keep an oyster-shop for mermaids down below.

 

Das Originalpersonal enthält außerdem noch Hero und Leander sowie einen fiktiven Tümmler (porpoise), die ich mir jedoch aus versmaßtechnischen Gründen geschenkt habe. Statt des Tümmlers tummelt sich bei mir ein Riesenwiesel inmitten Flussgeriesel. Schuld war nur der Bossan… Kiesel.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter amerikanische Literatur, deutsche Übersetzung, Gedichte, Kurioses

Eine Antwort zu “Die gar schröckliche Ballade vom Austernhändler und seiner Angebeteten

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