Ach, Friederike … :-)

Gestern habe ich mir die Dramödie Boxhagener Platz angesehen. Nein, ich will mich nicht en detail zum Film äußern, das überlasse ich gern dem Autor und dem Regisseur. Ich möchte mir nur mal wieder eine wunderbare Poesie-Rosine herauspicken, sozusagen die Poesine. Wer hätte gedacht, dass schlichte Gemüter Friederike Kempners lyrische Ergüsse nicht zum Totlachen finden, sondern sie im Gegenteil todernst nehmen. Um den Tod dreht sich ja auch der ganze Film – neben anderen Dingen natürlich, zum Beispiel dem Ostberliner Alltagsleben Anno 1968.

Oma Ottilie und der Rentner Karl (nein, nein, nicht Eduard ;-)) treffen sich auf dem Friedhof. Da Karl einen Urlaub im Westen plant,  fragt er die fünffache Witwe:

„… ob Sie meine Frau vielleicht mitjießen könnten?“

Nach der Rückkehr aus dem feindlichen Ausland bedankt sich Karl am Grab seiner verstorbenen Frau artig mit einem Päckchen Bohnenkaffee und … einem Gedichtband von Friederike Kempner („Wat fürs Jemüt …“). Passend zum Ambiente, denn die Anthologie trägt den Titel „Das scheintote Kind“.  „Widerlich!“, urteilt Ottilie spontan über das Geschenk, doch zu Hause lässt sie sich dieses Glanzstück schlesischer Dichtkunst von ihrem Enkel vortragen, „ohne Berlinern“, und findet es ergreifend. Die tragikomische Schauerlyrik weckt in der sonst so handfesten Person eine romantische Ader, Karl erobert Ottilies Herz im Sturm. Als ihr Enkel eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihr und dem Konterfei der Dichterin feststellt, frisiert sie sich fortan wie diese. Die Szene, in der sich Karl und Ottilie „kriegen“, hätte Courths-Mahler nicht besser „hinkriegen“ können:

Sie sinken sich in die Arme, doch bevor sich ihre Lippen zum allerersten Kuss treffen, deklamieren sie gemeinsam die dritte und vierte Zeile des unsterblichen Gedichts:

Seine schwache Kraft
Es zusammenrafft.

Halb so wild, dass der gute Karl am Ende dann auch noch mausetot ist. Passend zum Ambiente.

Das scheintote Kind

von Friederike Kempner

(Nocturno)

Stürmisch ist die Nacht,
Kind im Grab erwacht,
Seine schwache Kraft
Es zusammenrafft.

„Machet auf geschwind!“
Ruft das arme Kind,
Sieht sich ängstlich um:
Finster ist’s und stumm.

Überall ist’s zu,
„Mutter, wo bist du?“
Stoßet aus den Schrei,
Horchet still dabei.

Und in seiner Qual
Klopft es noch einmal,
Sieht sich grausend um:
Finster ist’s und stumm.

Streckt die Ärmlein aus,
Hämmert schnell drauf los,
Ruft entsetzt und laut:
Hört, ich bin nicht tot!

Lehnt sein Haupt an’ Arm:
„Daß sich Gott erbarm’,
Lebt man ewig so?
Und wo stirbt man so?

Ach, man hört mich nicht,
Gott, ach nur ein Licht!“
Sieht sich nochmals um!
Finster bleibt’s und stumm.

Stier und starr es tappt,
Und am Sarg’ es klappt,
Horch, da strömt sein Blut
Durch des Nagels Hut.

Aus dem warmen Quell
Sprudelt’s rasend schnell:
Endlich stirbt das Kind,
Froh die Engel sind!

Stürmisch ist die Nacht,
Blätter rauschen sacht,
Niemand sah sich um:
Finster blieb’s und stumm.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Film, Gedichte

3 Antworten zu “Ach, Friederike … :-)

  1. Dina

    So, jetzt habe iich mir den Film bestellt!
    🙂
    Freue mich auf das Sehvergnügen….

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  2. Dina

    Oh, wie herrlich! Hihih 🙂

    Hab Dank für diesen witzigunterhaltsamen Beitrag.
    Poesine, dieses Wort komme sofort in meiner Sammlung kreative Wortschöpfungen.

    Schönen Sonntag dir!

    Liebe Grüße
    Dina

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