Wer reitet so spät

Ja, wer wohl? Goethes Ballade vom Erlkönig ist immer noch eine schier unerschöpfliche Inspirationsquelle für alle Kunstgattungen und -richtungen. Ist Youtube nicht eine wunderbare Erfindung? Ich habe mal drei Interpretationen herausgegriffen, die mir besonders gut gefallen.

Ein Comic in Hörfassung? Erlkönig „zum Anfassen“? Pantomimisch und akustisch untermalte Rezitation? Gibt es einen Begriff für diese genreübergreifende Vortragskunst? Besonders amüsiert mich, wie Marco Rima in Marty Feldmans Rolle aus Frankensteins jüngerer Bruder schlüpft :-).

Von den vielen filmischen Umsetzungen des Stoffs halte ich Georg Weidenbachs atmosphärisch dichte Version für besonders gelungen.

Last but not least Franz Schuberts Vertonung als Violinsolo – ein Parforceritt in der Interpretation von Kristof Barati. Ist das nicht ein wahrhaft fiegeliensches Musikstück? (Endlich eine Gelegenheit, diese neu erworbene Vokabel anzuwenden. 😉

Und hier noch einmal der Text des Gedichts zum Mitsingen für alle, die ihn nicht auswendig lernen mussten ;-):

Erlkönig

Johann Wolfgang Goethe

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt.«
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Müh‘ und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Quelle: Projekt Gutenberg

And this is what Sir Walter Scott made of it.


3 Kommentare

Eingeordnet unter deutsch, Film, Gedichte

3 Antworten zu “Wer reitet so spät

  1. Pingback: O Who Rides by Night … | Übersetzen und Literatur, doch nicht nur

  2. Ach, den Schischyphusch fandest Du luschtig? Ich ja eher traurig. Trotz des guten Ausgangs. Aber ein Leben lang gehänselt zu werden … Hm. Ich erinnere mich, wie der Deutschlehrer uns die Geschichte vorlas, mit sehr lebhaften Gesten. Die Hand, mit der er dabei ständig herumwedelte, war verstümmelt. Irgendwie unterstrich das die Behinderung des Kellners noch. Mit dem Erlkönig verknüpft sich die Erinnerung, dass ein Mitschüler diesen vortrug. Als er die bewusste Klimax dann völlig arglos wiedergab als: „Mein Vater, mein Vater, jetzt _fässt_ er mich an“, lagen wir alle vor Lachen unter dem Tisch.

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  3. philipp1112

    Da werden Erinnerungen an längst vergangene (Schul-)zeiten wach – an meine und die meiner Kinder. Den Enkeln steht der Erlkönig noch bevor.
    Mir ging es schon verschiedentlich „erinnerungsmäßig“ so:
    http://philipp1112.wordpress.com/2009/03/11/schischyphusch-oder-der-kellner-meines-onkels-von-wolfgang-borchert/

    oder so:

    http://philipp1112.wordpress.com/2010/01/29/theodor-storm-pole-poppenspaler/

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