Rapunzel, Rapunzel …

… lass dein Haar herunter!

Oder

Rapunzel, Rauke und rughetta


Foto: anglogermantranslations

Dieses Bild eines unbekannten Malers – jedenfalls kann ich seinen Namen nicht eindeutig entziffern – hängt jetzt über meinem Schreibtisch. Es gehörte einmal meiner Tante und meinem Onkel, bei denen ich als Kind oft zu Besuch war. Dann las mir der Onkel jeden Abend ein Märchen vor, und meine Augen gingen dabei auf dem Bild spazieren. Für mich gehört es seitdem zu Grimms Märchen wie John Tenniels Illustration zur Originalausgabe von Lewis Carrolls Alice in Wonderland. Zwar kam nicht in jedem Märchen ein Fischer vor, der seine Netze flickt, doch man brauchte ja nur aus der Hütte herauszutreten, um das ganze Märcheninventar – samt Personal – vorzufinden: den Brunnen, in den der böse Wolf – dank Wackersteinfüllung – stürzt, die Haulemännchen, ein Hutzelweiblein, ein kantapper, kantapper in den Wald rollender dicker,  fetter Pfannekuchen … Lauter rätselhafte Wörter, deren Bedeutung ich mir in meiner Fantasie lustvoll ausmalte. Besonders verlockend klang mir „Rapunzel“ im Ohr. Nein, ich brachte sie gar nicht mit dem Feldsalat zusammen, den es oft zu Mittag gab. Wenn sie ein so heftiges Verlangen weckte, dass man ihretwegen stahl und sein ungeborenes Kind verschenkte, musste es eine ganz besondere Bewandtnis damit haben. (Von unstillbaren Schwangerschaftsgelüsten ahnte ich ja nichts. Nur gut, dass man die Kinder nicht danach benennen muss! „Frikadelle, Frikadelle, lass deine Panade fallen!“?) Also war es wohl eine exotische, außerordentlich wohlschmeckende und daher begehrenswerte Frucht? Ähnlich der Ananas (die ich allerdings nicht mochte)?

Die Rauke – inzwischen wieder „in aller Munde“ – lernte ich erst 1995 kennen, als ich ein Buch über längst vergessene Kulturpflanzen übersetzte. Der Autor zog viele dieser Pflanzen in seinem Garten und beschrieb ihre Geschichte „von den Anfängen bis zur Gegenwart“ ;-),  mit eigenen Rezepten. Rocket hieß diese Pflanze also auf Englisch – wie die Rakete. Aber gab es irgendwo in Deutschland Rauke zu kaufen? Nein, dachte ich. Nicht einmal als Wildpflanze wie z. B. Löwenzahn. Ein Grundproblem beim Übersetzen von Rezepten. Man braucht ja auch Bezugsquellen im Land der Zielsprache. Exotisches durch Einheimisches ersetzen geht auch nicht, wenn das Buch reich bebildert ist.  Eine Rauke ist eine Rauke ist eine Rauke. Zur gleichen Zeit beschrieb mir eine Freundin aus Rom rughetta, eine Salatpflanze, die ihres Wissens mittlerweile auch in Deutschland immer beliebter wurde. Dieses Kräutlein entpuppte sich dann als Rauke bzw. rucola – wie sie außerhalb Roms genannt wird. Und da sie über Italien wieder den Weg in deutsche Küchen fand, ist sie unter ihrem italienischen Namen fast noch besser bekannt. Geschmacklich würde ich sie irgendwo zwischen Rapunzel und Löwenzahn einordnen. „Irgendwo“ ist ja ein weites Feld …

Ich plädiere dafür, ein neu zu züchtendes Hybrid-Gemüse nach Rumpelstilzchen zu benennen. Das klingt doch verdächtig nach einer Kreuzung aus Steckrübe, Rübstiel und Radieschen? (Nein, nein, nach Rumpsteak natürlich nicht :-).)

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bilder, Fotos, Genrebilder, Märchen, Märchenfloskeln

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